Vom künstlich-intelligenten Künstlertum
Veröffentlicht am 5. Dezember 2025
I.
Die KI-Ästheten und Imitatoren des Schönen sind auf dem Vormarsch, bei denen jegliches Bild und jeglicher Schriftbeitrag von einer Maschine hergestellt ist, weil es für eigene Gedanken (und selbst Empfindungen) nicht mehr reicht. Eine neue Form der Selbstentmündigung und der Selbstknechtung, auf die nur ein so tolles Tier, wie der Mensch es ist, verfallen kann, – das ist es, was hier, wieder einmal, in unausdenklicher Absurdität Platz greift. Bisher durfte jeder, der nur wollte, sich Künstler nennen; jetzt kann auch ein jeder ein Künstler scheinen: nämlich mit Hilfe (aber was sage ich »mit Hilfe«! Hilfe würde ja bedeuten, dass man mindestens ein Weniges selber dazugibt; doch die Zeiten, da man sich dergestalt abmühen musste, sind vorbei!) – nicht mit Hilfe also, sondern ausschließlich durch KI kann heute jeder Künstler sein. KI ermöglicht Künstlerschaft, oder richtiger: sie gewährt einem den Anschein der Künstlerschaft, sie fertigt das gleißende Kostüm eines Schaffenden, welches man sich, ohne die geringfügigste Leistung erbracht zu haben, überhängen kann. Wahrhaftigkeitsansprüche sind hier nicht am Platze, sie stören den selbstgewissen Schritt des Kostümierten. Und auch ein schlechtes Gewissen braucht man bei solch unschuldigen Foppereien und harmlosen Kunstschändungen nicht zu haben. Denn in einer Welt, in der Gleißen das Merkzeichen der Interessantheit ist, darf man jede Bemühung, welche darauf ausgeht, sich selber gleißen zu machen, nicht verurteilen.
Und was wird zur Aufrechterhaltung dieses Gleißens, zur Nährung dieses Anscheins nicht alles »Material«! Selbst die Kommentare, die gutgläubig Entzückte dazu hinterlassen, werden, wiederum ohne die leiseste Spur eines schlechten Gewissens, der Maschine als Futter in den blechernen Schlund gestopft, auf dass sie noch entzückendere Entgegnungen herstelle. Und siehe, so abgebraucht, hohl und kalenderspruchmäßig diese errechneten Entgegnungen oft auch klingen; so sehr das Künstlich-Gekünstelte, das ihnen allen anhaftet, einen bisweilen geradezu anspringt: die durchschnittliche »schöne Seele« hält diese lügnerischen Rechenerzeugnisse für etwas Echtes und Schönes. Und das bedeutet nicht, dass es der durchschnittlichen schönen Seele schlechtweg an dem Vermögen fehlen würde, etwas Echtes von etwas künstlich Gemachtem, künstlich-Intelligentem zu unterscheiden; sondern es bedeutet, dass diese Unterscheidung wirklich in wachsendem Maße schwerhält, ja vielleicht bereits in einigen Jahren durchaus unmöglich sein wird, – weil die Maschine bis dahin so viel Echtes erbeutet und verschlungen haben wird, dass sie in der Lage sein könnte, die Muster und geheimen Gesetzmäßigkeiten des Echten bis zur Ununterscheidbarkeit zu kopieren.
Dass diese Unterscheidung schon heute vielfach schwerhält, kommt freilich den KI-Ästheten, den falschen Minnesängern und Pergamentrollen-Flüsterern, weidlich zustatten. Denn es macht, um im Bilde zu bleiben, das gleißende Kostüm, worin sie sich bergen, verbergen, nahezu unzerreißlich. Aber so sehr dies hübsche Lügenkleid auch gleißen mag: es kann doch den, der dahinter-, daruntergeblickt hat, nicht äffen. Denn er weiß: was sich hier gebärdet wie der überquellende Reichtum eines, der an jedweden Gegenstand blumichte Poesien zu verschenken hat, ist in Wahrheit die erbarmungswürdige Armut eines – Schwindlers.
II.
Nietzsche sagt: man müsse Schauspieler sein, um den Massen-Erfolg auf seiner Seite zu haben. Heute hingegen tut, wie es scheint, nicht einmal mehr dies not. Heute genügt es, träger Hintergrund-Arrangeur von Vorgefertigtem, fremd-Geliefertem zu sein.
Dem Schauspieler fällt zum Mindesten noch die Aufgabe zu, sein eigenes körperliches, scheinvernarrtes Dasein in Szene zu setzen; er muss sich exponieren, um auf die Masse solchergestalt zu wirken, die Masse solchergestalt zu bezaubern, wie sein theatralisches Bedürfnis es verlangt. Er muss sich in den Vordergrund, auf die Bühne begeben, muss eine Darstellung leisten, um Schauspieler zu sein. Dagegen gehalten, nimmt sich der KI-Künstler wie ein Regisseur ohne Leib und Seele aus. Er wirkt einzig durch die Anweisungen und Befehle, welche er seinem künstlich-intelligenten Knechte erteilt, damit derselbe ihm das gewünschte Ergebnis fügsamlich unterbreite, – oder vielleicht noch nicht einmal ein gewünschtes Ergebnis; denn um sich etwas auszumalen und einzubilden, was man als Bild- oder Text-Ergebnis erwünschen könnte, bedürfte es eines Vermögens, welches in unserer allbebilderten Welt längst entbehrlich und arbeitslos geworden ist: nämlich der Phantasie. Wozu noch sich selber etwas einbilden, wenn man diese beschwerliche Aufgabe auch an seinen Maschinenknecht delegieren kann? (Beiläufig fragt sich, wer hier wirklich der Knecht und wer der Herr ist! Der Mensch, der keinen einzigen Gedanken mehr fassen, keine Handlung mehr frischweg ausführen kann, bevor ihm die alles-wissende, alles-verstehende und alles-verzeihende Maschine ihre Gutheißung erteilt hat, – der Mensch, sage ich, erweckt jedenfalls hierbei, trotz des Befehlstones, den er bisweilen anschlägt, nicht eben einen souveränen und »herrenhaften« Eindruck.)
Es ist bezeichnend für den KI-Künstler, diesen Stubenhocker der Ideenlosigkeit, dass er, wiewohl das Kunstschaffen der Maschine überlassend, nichtsdestominder das Ansehen eines Künstlers für sich beansprucht; ja es ist symptomatisch für unser Zeitalter: man hält alle Kunst schon halb für überflüssigen Zierrat, halb in ihrem Innern für unmöglich geworden; man glaubt nicht mehr an sie, wie man an nichts mehr glaubt, wie man für allen Glauben zu gescheit geworden ist; aber den Künstler spielen, für tief, nachdenklich und in sich versunken gelten, für originell, für um-die-Ecke-denkend und sprühend von den leisen, lyrischen Klängen des Einst, – das will man eben doch noch. Der KI-Künstler, dies Wesen der Tartüfferie, in dem Unselbständigkeit und Trägheit sich mit übergroßem Wirkungshunger und Stilisierungskalkül gatten, diese Mensch gewordene Unredlichkeit ist der ehrlichste und beredteste Ausdruck unserer Zeit. Und man täusche sich nicht: seine Zeit hebt erst an, die Zeit, da seinesgleichen wie Unkraut allerorten aus dem Boden schießen wird.
Das Schöpferische wird abgegeben, aufgegeben, wird, wirtschaftlich gesprochen, aus Effizienzgründen ausgelagert. Die Maschine fabriziert »Kunstwerke« mit einem weit geringern Aufwande von Energie und namentlich von Zeit, als der Mensch es jemals vermöchte. Wo der Künstler vordem noch mühselig an den unscheinbaren Kniffligkeiten seines Werkes herumzubasteln hatte; wo er sämtlichen Effizienzgrundsätzen geradehin entgegenhandeln musste (denn Kunst schaffen heißt immer: Umwege über Umwege gehen, sich von der goldenen Mittelstraße weit, weit, bis zur völligen Entlegenheit, bis zum Ab- und Jenseits entfernen); wo seine Arbeit am Werk sich oft genug als das darstellte, was man bei uns im Rheinlande »Piddelskrom« nennt, – da ist der KI-Künstler nur noch administrativ-befehlend tätig. Er braucht nicht mehr kraft seines Wesens schöpferisch zu sein; ja er darf sogar das ärmste und dürrste Buchhalter-Seelchen in sich tragen: das verhindert ihn nicht daran, sondern befähigt ihn vielleicht gerade dazu, KI-Künstler zu sein, – was ja auch eine Art der Buchhaltung ist: das buchhalterische Verwalten imitierter Schönheit. Er darf das Werk wollen, er darf mit dem Werk prahlen wollen, ohne je auch nur einen Fuß auf den steinigen Schlängelpfad des Schaffenden gesetzt zu haben.
III.
Das Werk – weiß heute noch wer, was das eigentlich ist? Weiß jemand es noch aus Erfahrung anzugeben? Weiß noch jemand von dem Kampfe zu künden, den man »Schaffen« nennt: diesem Ineinander von Drangsal und Erhebung, von Rausch und Verzweiflung? Nun, einige Wenige gibt es allerdings, die davon noch anschaulich zu künden wissen, weil sie immer und immerfort erleben, wie dieser geheimnisvolle, schwere und doch so grenzenlos beglückende Zauber unter ihren Händen Ereignis wird. Sie sind die Spätlinge der Kunst in einem Zeitalter algorithmischer Kunstsimulation; sie sind die letzten Schaffenden, vielleicht auch die letztmöglichen. Sie wissen noch, was ein Werk, was Hand-Werk bedeutet. Der große Haufe dagegen – ich meine den großen Haufen derer, die sich geckenhaft als Schaffende gebärden oder auch nur als empfindsame, schöne Seelen und Kunstliebhaber – weiß es nicht mehr und, so darf man argwöhnen, will es auch nicht wissen: denn für ihn ist das Schöpferische zu einem Scherz geworden.
Ich sagte vorhin, die Unterscheidung zwischen echter Kunst und künstlicher »Kunst« halte bereits heute vielfach schwer. Jedoch gibt es Fälle, in denen der Umstand, dass das dargebotene Werk nur ein Blendwerk maschinellen Ursprungs ist, nur ein glitzerndes Zahlenknäuel gleichsam, dermaßen offenbar ist, dass ich mich frage: was wird da eigentlich von allen den Verzückten so zahlreich belobt und beklatscht? Doch nicht der Text oder das Bild als Leistung! Oder doch? Oder vielleicht – das Blendwerk als äußerst vortrefflich blendendes Blendwerk? Oder etwa nur die kunstreiche Meisterschaft, dem ChatGPT Fragen zu stellen und Anweisungen zu erteilen? Oder aber ist der Geschmack, die ästhetische Empfindung, ich möchte fast sagen: der gesunde Menschenverstand inzwischen dermaßen krank geworden, allem Lebendigen, lebendig-Durchpulsten dermaßen entfremdet und ferngerückt, dermaßen blind und taub dafür geworden, – dass man sich auch mit synthetisch aufgefärbtem Fälschungsabfall willig zufrieden gibt, ja mehr noch: denselben, während er das Gehirn erweicht und die Seele verdreckt, wohlschmeckend findet und sogar gerade nach dieser Schmutzkost verlangt? Ich frage: welche dieser Erwägungen besitzt am meisten Wahrscheinlichkeit? Ich frage – und schweige. Nur dies lasse ich mir noch entschlüpfen: jemand, der so viel ästhetischen Sinn zu besitzen vorgibt, dass er ausschließlich in seelenhaften Sentenzen und lyrischen Sprachblumen denkt (und demgemäß auch jeden einzelnen Kommentar solcherart beantwortet), würde sich nicht mit bloßer Stimmungserzeugung zufrieden geben. Bilder von Schreibtischen verschwärmter Frauenherzen bei nächtlich-einsamem Kerzenschein etwa oder von schmucken antiquarischen Buch-Kostbarkeiten, Bilder solches Inhalts künstlich generieren, müsste einem ästhetischen Sinn wie diesem stracks widersprechen. Ja doch, es ist ein Widerspruch, es ist unvereinbar. Es ist nur dann kein Widerspruch, wenn man die Annahme fahren lässt, dieser ästhetische Sinn, der aus ihm folgende Qualitätsmaßstab sei tatsächlich vorhanden. Nimmt man an, er sei es nicht, so verträgt sich das auf einmal durchaus prächtig: künstliche Phrasen, künstliche Bilder, künstliche Nostalgie, eine ästhetische Pose, ein falsches Spiel mit Requisiten. Eine Künstlichkeit bedingt hier die andere, und was daraus hervorgeht, sind die schillernden Hohlheiten, die Stimmungsattrappen und Kolbenglas-Missgeburten einer wesenlosen Selbstverklärung.
Erst kürzlich bin ich mit einem KI-Poeten selbst (gottlob nur flüchtig) in Berührung gekommen. Ich hatte eben – es war noch keine zehn Minuten her – einen Auszug aus meinem Aufsatz »Geräusch und Stille« auf Instagram veröffentlicht, als ich einen Kommentar, einen recht umfänglichen Kommentar, angezeigt bekam. Ich las ihn, und siehe: es handelte sich um eine poetische, besinnlich hingehauchte Wiedergabe meines eigenen in dem Aufsatz-Auszuge dargelegten Gedankens, – jedoch so schnörkelig und pfiffig amplifiziert, dass mir sogleich klar war: das hat kein menschlich Hirn ausgeklügelt; das ist Rechenleistung. Überdies muss ich sagen (vielleicht ergeht es nicht nur mir so?), dass dieser nachdenklich klingen wollende ChatGPT-Ton, dieser Klingklang aus nebelhafter »Tiefgründigkeit«, metaphorischem Kitsch und scheinbar hingeseufzten Gedankenstrich-Sentimentalitäten mittlerweile wirklich begonnen hat, allergische Reaktionen bei meinen Ohren hervorzurufen: sie vergessen dann immer ihre anatomischen Grenzen und möchten sich verschließen.
Kurz, es war ziemlich augen- und ohrenfällig, dass dieser Kommentar künstlich generiert war, um – ja, wozu eigentlich? Um eine Anschlägigkeit, eine Beredsamkeit vorzuspiegeln, die in Wahrheit gar nicht vorhanden ist? Um Eindruck zu machen, nämlich damit, dass Gedanken, welche ich über mehrere Tage hin mit der Feder, mit der Hand zu entwickeln hatte, von einem mir überlegenen »dichterischen Vermögen« in Minutenkürze weit schillernder zum Ausdruck gebracht werden können? Aber ganz aufrichtig gefragt: was könnte hier Eindruck machen, was Beachtung hervorrufen?
IV.
Das Ganze erinnert mich vielmehr nicht selten an Kellers Novelle »Die mißbrauchten Liebesbriefe«, genauer: an Gritli Störteler. Gritlis Mann Viktor, genannt Viggi, ist vom »literarischen Geist« der Zeit angesteckt worden und will mit Gritli, wiewohl sie mit Literatur nichts zu tun hat, sondern ganz praktisch eingerichteten Verstandes ist, zu seiner Muse erheben, sich »begeisternde Anregung« von ihr erhoffend. Er gibt ihr den »idealen Namen« Alwine (da ihr »prosaischer Hausname« ungeeignet sei) und zwingt sie zu einem literarischen Briefwechsel, der ausschließlich erhabene, tiefpoetische Bilder und Gedanken enthalten soll und den er hernach zu veröffentlichen gedenkt. »Wohlan, wir werden einen Briefwechsel führen, der sich einst darf sehen lassen!«, schreibt Viggi, von literarischem Geltungsdrang getrieben. (Die gesamte erste Hälfte der Novelle ist, beiläufig gesagt, eine höchst komische Satire auf den ästhetizistischen Literaturbetrieb, freilich nicht allein auf den des 19. Jahrhunderts, sondern, frappierenderweise, auch auf den heutigen. Viggi tritt uns als frühe Karikatur des modernen historisierenden Ästheten entgegen: der sich eine künstliche, »erhabene« Kunstwelt schafft, sich einen idealisierten Namen überhängt – er nennt sich Kurt vom Walde –, alle Angelegenheiten des Alltags auf kleine Beizettel verbannt, auf denen er sich, was bezeichnend ist, gar nicht mehr so edel gebärdet, und der im Briefwechsel einzig ein hohes, reines Dichter-Ich in Szene setzt, das er nicht im Mindesten verkörpert. Seine schwülstigen Sprachbilder und gedrechselt lyrischen Geistreichigkeiten – wie etwa: »Wenn zwei Sterne sich küssen, so gehen zwei Welten unter!«, oder: »Solange dies Herz schlägt, ist das Universum noch nicht um die Urbejahung gekommen!!« – wirken wie die parodistische Vorwegnahme jener zeitgenössischen Pseudo-Poeten, welche sich im edlen Gewande des 19. Jahrhunderts zeigen, sich »Baronessevonschatten«, »Herrvonrosengrund«, »Chronistdesabendrots«, »Grafherzstill« oder wie nun immer betiteln, in Wahrheit aber Max Mustermann heißen und nur auf die Erhöhung und Begleißung ihres durchaus undichterischen, durchaus gemeinen und eitlen Selbst ausgehen. Schon um dieses Aspektes willen sei die Novelle jedem anempfohlen!)
Gritli hinwiederum, welche für dies künstliche Kunstgehabe schlechtweg des Sinnes ermangelt und auf die brieflichen Preziositäten ihres Mannes folglich nichts zu erwidern weiß, greift in der Verzweiflung zu einer List: sie schreibt Viggis »Liebesbriefe« ab, nur einige Worte verändernd, wie wenn eine Frau an einen Mann schriebe, und steckt diese Kopien heimlich ihrem Nachbarn, dem ärmlichen, jungen Unterlehrer Wilhelm, zu, – von dessen romantischer, schwärmerisch-schüchterner Veranlagung sie weiß. Wilhelm, von dem es heißt, dass er für beschränkt und kindlich gelte und dass er das schöne Geschlecht nur passivisch aus der Ferne bewundere, – Wilhelm erscheint Gritli einerseits gebildet und gemütvoll genug, um eine geeignete Brief-Erwiderung zu Stande zu bringen, anderseits scheu-verschwiegen genug, um den ganzen »Scherz«, wie sie es ihm gegenüber nennt, für sich zu behalten. Und wirklich erwahrt sich diese Einschätzung: Wilhelm ist sogleich ganz verliebt und hingerissen, er errötet angesichts Gritlis, schlägt die Augen nieder, denn Gritli ist ausgesprochen schön, und stellt, wie es heißt, in weniger als einer Stunde eine Antwort her, die an Schwung und Zärtlichkeit Viggis Kunstwerk weit hinter sich lässt, geistreich und dazu noch mit herzlicher Glut durchwärmt. Diese Epistel schreibt Gritli ab, wiederum die Worte hier und da ein wenig anpassend, und schickt dieselbe endlich an ihren Mann. Viggi, ehrlich beeindruckt, beschließt daraufhin, dass sie einander täglich, später sogar zweimal täglich schreiben sollten, und da muss Gritli denn, an ihrem Verfahren festhaltend, jeden Tag zwei und bisweilen vier lange Briefe abschreiben, die Briefe an Viggi mit Alwine, die an Wilhelm mit Gritli unterschreibend.
Versteht man nun, weswegen ich bei den scheinbar so beredsam kommentieren KI-Poetastern zuerst an Gritli Störteler denken muss? Ist nämlich das, was Gritli da aus Verzweiflung so listenreich bewerkstelligt, nicht eine tragikomische Vorform des copy-and-paste-Verfahrens unserer digitalen Welt: einen Text wörtlich »abschreiben«, ihn einem verschwiegenen, geheimen »Briefpartner« (namens ChatGPT) zuspielen, sich von ihm eine glänzende, schwungreiche Erwiderung holen und diese endlich, sorgfältig übertragen und als eigene ausgegeben, zurückreichen? Freilich beschleunigt die digitale Technologie dies Verfahren etwas: schmerzende, mit Tinte befleckte Hände vom vielen Abschreiben wird wohl keiner der KI-Dichter haben, das Abschreiben geht heutiges Tages mit Knopfdrucksschnelle. Aber im Kern ist das Verfahren noch einunddasselbe, – wenn dessen Anwendung uns in Gritlis Falle auch allzu begreiflich und entschuldbar erscheint: denn auf derart lächerlichen Schwulst wie den ihres Mannes kann und sollte man vielleicht nur mit einer List antworten.
Deswegen sagte ich, ich müsste zuerst an Gritli denken. Sodann aber, nämlich im Hinblick auf das innere Wesen und die Grundabsichten der heutigen KI-Dichterlinge und Rezensenten, drängt sich Viggi Störteler als Vergleichungsfigur auf: der selbstverliebte Dilettant mit seinem idealischen Künstlernamen, mit seinem hochgeschraubten Tonfall und seinen phrasenhaften Bilderschnörkeln, mit seinem Bedürfnis, jedwede Regung in eindrucksvolle ästhetische Schmuckformen einzukleiden und seine Ehe in etwas Publizierbares zu verwandeln. Was ist Viggi Anderes als ein ästhetischer Gernegroß, der von irgendwelchen Urbejahungen schwätzt, in Wahrheit aber nur seine eigene Verherrlichung im Sinne trägt? Er zeigt sich uns als ebendas, was man damals, zum Unterschied vom Dichter, ein wenig spöttisch »Literat« nannte: also ein Mensch, der nicht aus dem Erlebnis, aus dem Leben schöpft, sondern bei dem sozusagen nur Papier raschelt, der nur abgelernte Ornamentik nachahmt, ja der überhaupt nichts mitzuteilen hat, weil ihm das Leben im Grunde fremd ist, und dem sein karges Selbst einzig dann genügt, wenn er es mit kostbarem Wörterschmuck umhüllt, um nicht zu sagen: verhüllt hat. Kurz, Viggi ist es nicht um Ausdruck zu tun, sondern um den Effekt. Deswegen trennt er sein tatsächliches Leben auch so gewissenhaft von seiner edlen Kunstrolle ab: weil er nicht das mindeste Interesse hat, irgendetwas davon wirklich zu verkörpern, weil ihm an der Formung seines Wesens durchaus nichts liegt. Für ihn ist die Kunst nichts weiter als ein Werkzeug zur Selbstverhimmelung, – aus keinem andern Grunde macht er sich ihre Formensprache zu eigen, lernt er sie prahlhänsisch imitieren.
Und ich frage: ist das bei den KI-Künstlern nicht ebenso? Sind sie nicht von ebendenselben Grundabsichten erfüllt? Betreiben sie nicht ebendieselbe Verzweckung, Verwerkzeugung der Kunst? Zu Viggis Gunsten kann man sagen: er bringt seine Künstlichkeiten zum Mindesten noch eigenhändig hervor! Die KI-Künstler sind sich sogar für diesen Aufwand zu fein: bei ihnen findet man nur noch eine von allem Menschlichen entkoppelte Effektmaschinerie.
V.
Und doch, und doch, meine Freunde der Echtheit, – kein Grund für uns, den Kopf hängen, den Mut sinken zu lassen! Wir sehen ja: auch in künstlerisch günstigeren, dem Werke als Kunstäußerung gemäßeren Zeiten gab es, neben den Künstlern und »Kunstwerkern«, »Blendwerker« und gleißende Schwindler. Das ist nichts Neues. Einzig die Formen, in welchen dieselben auftreten, die Kräfteverhältnisse zwischen den Falschen und den Echten, die maschinellen Instrumente, womit dem Falschen und Hohlen zu Glanz und »Reichweite« verholfen (und womit es überhaupt erzeugt) wird, sind heute andere. Allein kann uns das bekümmern, uns Streiter des Werkes, die wir vor allem nach einem streben: nach Verkörperung dessen, was wir formen und erkennen; uns, denen nichts so zuwider ist wie das Posenhafte und Zieräffische, worin sich eine ihre eigene Leerheit bespiegelnde Welt heute mit so furchtbarer Selbstverständlichkeit gefällt? Ich frage: kann uns das bekümmern? Haben unsere Ziele und Beglückungen nicht immer schon in luftigeren Regionen gelegen? Klang das Spieglein-Spieglein der verzärtlichten Stubenprinzen und -prinzessinnen uns nicht immer schon ganz unangenehm nach innerem Mangel? War sie uns nicht immer schon fremd, die geheuchelte Duzvertraulichkeit der Lakaien des Gefallens, hinter der sich nur eine höchst eigennützige »Versicherungsgesellschaft gegenseitiger Beweihräucherung« verbirgt? (Dieser Ausdruck stammt von Albrecht Goerth.) Gestehen wir es uns nur ein: wir wären keine guten Mitarbeiter in dieser Versicherungsgesellschaft, selbst wenn wir es versuchen würden. Wir taugen nicht zum Spaßmacher fremder Eitelkeiten, – unser Wesen verträgt keine Verstellung. Schon eine »Masse« geradezu anzureden, nötigt uns Einzelnen eine komödiantische Anstrengung ab, welche uns hinterdrein stark nach Stille, Weltvergessen und wiederherstellender Besinnung verlangen lässt. Ja, die Stille, der Friede unsres Gartens, wenn die Sommerabendsonne ihre letzte Glut versprüht, die süße Heimlichkeit unsrer murmelnden Wälder: das ist unser eigentliches Klima, unser Labsal und unser Trost, unsre Werk-Stätte, der Wohnsitz unsres Geistes. Die Wahrheit ist: wir könnten keine Anderen sein, selbst wenn wir wollten, – man sähe uns die Schiefigkeit der Selbstverleugnung immer an.
Übrigens bin ich überzeugt, dass die Sehnsucht nach Echtheit, nach Menschengeschaffenem, Menschenentsprungenem, die Sehnsucht gerade nach solchen Menschen, denen alles Schauspielhafte, Bühnenheldische, alle Dandy-Ziererei und Prahlhänselei abgeht, die auch die Unscheinbarkeit ihrer Existenz in den Kauf nehmen, um nur, ihrem höchsten Bedürfnis gemäß, zu sein, was sie sind, und nicht, wie es heute anstattdessen Sitte ist, zu scheinen, was man gern wäre, – dass diese Sehnsucht weit stärker und lebhafter verbreitet ist, als der Augenschein einer überhandnehmenden Künstlichkeitsherrschaft zu vermuten gibt. Es liegt freilich nur nicht in der Natur des Echten, viel Aufhebens von sich zu machen und mit schmeichlerischem Charisma Augen und Ohren auf sich zu lenken. Ist unter den Echten irgendwelches Charisma, irgendwelche gewinnende Weltläufigkeit zu finden? O nein; wohl aber vielfaches Kauzentum und schrulliges Abweichen von dem, »was man so kennt«: nicht aus mutwilligem Ausderreihetanzenwollen, sondern weil solche Naturen eigene Gesetze nötig haben und zugleich nicht anstehen, sich dieselben zu geben; da ist kein Schielen nach der Menge, sondern einzig eine träumerische Selbstgewissheit, eine genügsame Eingezogenheit, eine aufgeweckte Innerlichkeit. Wer diese Naturen zu ergründen versteht, wird, statt sie als Sonderlinge abzutun, wandelnde Paläste in ihnen erblicken, welche ganze Kammern voll verloren geglaubter Schätze bergen. (Ihr Echten, die ich bewundere: dies ist zu euerm Preis gesprochen!) Bei alledem versteht sich indessen, dass solche Naturen in einer Welt, deren einzige Währung »Sichtbarkeit« ist, leicht untergehen. Das kümmert diese ehrsuchtlosen Abseitler zwar herzlich wenig (denn was geht sie die Öffentlichkeit an!); doch bedingt dies eben den erwähnten Augenschein, dass uns nämlich, bei der im Wachsen begriffenen Fülle von Algorithmus-Künstlichkeit, die wahre, redliche Werk-Kunst Stück für Stück abhandenkomme. Ich sage es nochmals: dies ist nur ein Augenschein, wennschon, wie man nicht ableugnen kann, ein überaus trügerischer.
Den Sieg über die Kunst tragen die KI-Künstler, diese Sklaven des Knopfdrucks, nur höchst scheinbar davon. Wir, die wir keinen Augenblick überlegen müssen, wie wir uns dazu zu stellen haben, wir sehen ganz deutlich: was hier errungen, vielmehr erschwindelt wird, ist – lediglich – der Sieg über die Masse, ein Sieg vermittelst der äußeren Imitation, ein Erfolg, aufgebaut auf hohle Gaukelei. (Beiläufig frage ich: kann ein Erfolg, mindestens heute, überhaupt auf irgendetwas Andres aufgebaut sein als darauf?) Jedoch mögt ihr euch auch noch so viel gleißende Poesie erleihen und erstehlen; mögt ihr eine noch so bilderreiche Phantasie, eine noch so flinke Schreibfingrigkeit vorzuspiegeln verstehen: wortfertig, mundfertig, des Wortes wahrhaft mächtig werdet ihr dadurch noch lange nicht, ihr Schaufensterdekorateure mit euren leeren Beredsamkeiten und euren blechernen Entzückungen! Darauf aber käme es gerade an: darauf, wie ihr wirklich sprecht und denkt, welches Wesens ihr seid! Man würde, wenn man euch leibhaft begegnete, euern Umgang erführe, eure Denkungsart vernähme, – man würde, sage ich, nicht viel Poesie an euch finden, – das ist gewiss. Für alle, die zählen, ist und bleibt das Wesen der Prüfstein, – mag immerhin die Welt sämtlichen Fälschungen nachgerade Echtheitsrechte einräumen, Echtheitsanerkennung schenken. Wer nicht bestrebt ist, aus seinem Wesen selbst ein Gedicht zu machen, dessen Kunst ist nur – Attrappe.