Geräusch und Stille

Eine sprachphilosophisch-kontemplative Tändelei


Veröffentlicht am 13. März 2025

Bisweilen sind es die unscheinbarsten Wörter, die, kaum dass wir sie einmal aufmerksam vernehmen, uns die ganze Sprache neu hören lassen. Erst kürzlich, während meiner Schreibarbeit, war es ein solches Wort, das mich zum Innehalten zwang; es floss mir aus der Feder, ohne dass ich über seine Auswahl sonderlich nachgesonnen hätte, und als es dann auf dem Papier stand, blieb mein Auge daran hängen. Plötzlich sah ich es, als erblickte ich es zum ersten Male, sah es in all seiner Merkwürdigkeit: das Wort „Geräusch“. Freilich, man hört es nicht selten; das Geräusch gehört unbestreitbar zum Wortvorrat der alltäglichen Rede; wer es gebraucht, wird niemanden zum Stutzen bringen, wird niemanden zu der erstaunten Bemerkung veranlassen, dass man sich da aber gar gediegen ausdrücke, – keinesfalls. Und doch, wie eigentümlich und (ich kann es nicht anders sagen) merkwürdig schien es mir, als ich es vor mir sah und mit einer seltsam empfänglich machenden Unbefangenheit betrachtete. Ich sprach es wohl sogar leise vor mich hin, so gefesselt war ich; denn mir trat nun das Offenbare im Gewande des Unerhörten entgegen: im Geräusch steckt das „Rauschen“.
 
Es ist eines der vielen Komposita, die mit dem Präfix Ge- gebildet sind und so eine Kollektivbedeutung gewinnen. Andere Beispiele dieser Art sind etwa Gewölk, Gedicht, Geäst, Gefüge, Geschmeide, Gemälde, Gefahr mit der Nebenform Gefährde u. s. w. Auch zum Geräusch besteht eine Nebenform, nämlich das umlautlose Gerausch, und diese beiden Formen, Gerausch und Geräusch, sieht man bis zum 18. Jahrhundert sogar mit Suffix-e, Gerausche und Geräusche; von da an aber vorzüglich ohne dieses. Dabei bezeichnen beide Formen zuerst eine Ansammlung von Rauschendem, also einen Schalleindruck, der durch etwas, was rauscht, hervorgerufen wird. So spricht man vom Gerausch oder Geräusch eines Flusses, des Meeres, des Windes, eines seidenen Kleides u. s. f. Die umgelautete Form, das Geräusch, geht nun aber absonderlicherweise über diese Verwendung hinaus und erhebt sich zu einer umfassenderen Bedeutung, indem es einen verschiedenartig zusammengesetzten Schalleindruck oder den Eindruck ineinanderfallender Schallschläge bezeichnet. Man vernimmt etwa das Geräusch von Stimmen, von Schritten, von Blättern, von Waffen, von Tieren, von Maschinen; man „hört ein Geräusch“ und kann damit fast jeden Schalleindruck meinen, da das Geräusch nicht auf eine bestimmte Schallart, nicht auf bloßes Rauschen, beschränkt ist. Man spricht sogar vom Geräusch der Gegenwart, vom Geräusch der Welt, vom Geräusch des Lebens; und in Schillers „Wallenstein“ heißt es: Wallenstein hasse Geräusch und wohne deswegen auf dem linken Flügel ganz allein. 

 

Welche Bedeutungsschattierungen sind es nun, die hier deutlich werden? Was unterscheidet das Geräusch von sinnverwandten Wörtern? Warum sagt man nicht: ich höre einen Schall, einen Hall, einen Laut, einen Klang, ein Getöse? Nun, Schall ist alles Hörbare, es ist das Hörbare schlechthin. Wenn ich eine Tür zuschlage, so gibt das einen Schall; diesen Schall könnte man mittels eines anderen Wortes noch näher bestimmen und kennzeichnen (in diesem Falle etwa mittels des Wortes Knall), doch um das Allgemeinste zu sagen und die Tatsache auszudrücken, dass man hier etwas hört, es sei welcher Art es wolle, genügt das Wort Schall. Der Hall sodann bezeichnet eine Luftschwingung, die wir hören, wenn der verursachende Schall sich bereits ausgeschallt hat. Daher ist der Hall durchaus nicht geeignet, das einzubegreifen, was das Geräusch mit umfasst. Und auch der Laut, der Klang, das Getöse kommen dafür schlechtweg nicht in Frage. Der Laut bezeichnet den Schall einer Menschenstimme, weswegen man ja auch sagt, jemand gebe keinen Laut von sich; und der Klang die gleichzeitigen, regelmäßigen Schwingungen eines elastischen Körpers, wie etwa Saiten, Glocken und Gläser es sind. Das Getöse schließlich, wenn auch seiner Bildung nach dem Geräusch verwandt, zeigt nähere und stärkere, auch dunklere und weniger ineinanderfallende Schallabfolgen an als dieses. Ein Wasserfall, der mit gewaltigem Donnern in die Tiefe stürzt, erfüllt die Luft gewiss nicht mit Geräusch, sondern mit betäubendem Getöse. Ein Sturm, der das Meer zerreißt und schwankende Wellenberge ineinanderpeitscht, erzeugt ebenfalls nichts, worauf das Wort Geräusch auch nur entfernt anwendbar wäre; sondern was da auf das Trommelfell einhämmert, ist wiederum ein Getöse. Das Getöse hat stets etwas Betäubendes, Erschütterndes, Gewaltsames. 

 

Das alles hat das Geräusch nicht. Als Schallerscheinung ist das Geräusch schwächer als das Getöse, wie die an früherer Stelle erwähnten Beispiele bereits gezeigt haben. Das Geräusch eines Baches hat für das Gehör ebensowenig etwas gewaltsam Betäubendes wie das Geräusch des Meeres oder das Geräusch eines Stoffes. Überdies setzt sich das Geräusch oft aus einer Vielzahl kleiner und entfernter Schalleindrücke zusammen, und diese Eigenschaft ist von höchster Wichtigkeit; denn sie stellt das Geräusch nicht nur der Stille schlechthin gegenüber, sondern hebt es auch über die Bedeutung eines rein akustischen Phänomens hinaus. Schon wenn man sagt, dass die Stille durch ein Geräusch gestört werde, deutet sich dies an, und es wird vollends deutlich, wenn einer vom Geräusch des Lebens, vom Geräusch der Welt oder davon spricht, dass er Geräusch hasse. Es ist eine eigentümliche Qualität der Entferntheit, fast der Entrücktheit wie auch des Eindringens, die sich hier über das Akustische hinaus offenbart. Das Geräusch dringt aus der Ferne anher und bricht in die Stille herein. Es steht mit der Quelle, welche es hervorgerufen und weithin entsandt hat, in gar keiner unmittelbaren Verbindung mehr, es gehört ihr kaum noch an; es ist nur die unbestimmte Spur eines Anderwärts, die es an sich trägt und durch die es eine beunruhigende Spannung zeitigt zwischen Hier und Dort, zwischen Nah und Fern. Diese Spannung ist es eigentlich, was sich in der Stille als Störung bemerklich macht, und nicht so sehr das Geräusch selbst als Schallerscheinung; denn es gemahnt den, zu dem es dringt, dass es eine von schallendem Leben erfüllte Welt jenseits seines Gesichtskreises gibt, eine Welt, an der er nicht teilhat, sei es aus freiem Entschluss oder gezwungenerweise. Das Geräusch macht den, der es nicht überhören kann, selbst zum Entfernten, zum Abseitigen, Abwesenden, indem es ihm zu Bewusstsein bringt, dass er sich nicht am Ort der Quelle aufhält, dass er von den dort rauschenden Ereignissen geschieden ist. 

 

Und so können wir schließlich sagen, dass das Geräusch, um Geräusch zu sein, die Stille zur Voraussetzung benötigt, in die es einbrechen kann. Die Stille bedingt zugleich die Entferntheit; ob diese Entferntheit nun eigentlich räumlicher Art ist oder lediglich geistiger, ist dabei gleichviel. Die geistige Entferntheit wird durch das Geräusch jedenfalls gestört, und wenn der Gestörte und Beunruhigte nun auch noch etwa ans Fenster tritt, um nach der Ursache der Störung auszuschauen, und er diese Ursache, zum Beispiel in Gestalt eines kleinen, munteren Festes im Nachbargarten, auch wirklich erblickt, dann ist auch seine räumliche Entferntheit nicht mehr so unverletzt wie noch zuvor, denn er hätte ja auch an seinem Tisch sitzen bleiben können. 

 

Das Geräusch: wer es hört, ist in der Stille; wer es hört, steht abgerückt und abgesondert da; es ist nicht nur Schall, sondern auch ein Sendbote des Dort, ein Verweis aufs Anderwärts. Und wenn man nun gar vom Geräusch der Gegenwart spricht, vom Geräusch der Welt, vom Geräusch des Lebens, so vertieft sich die Entfernung zwischen dem Hier und dem Dort zu einer regelrechten Kluft. Die Abseitsstellung, welche der Hörende einnimmt, gewinnt so geradezu etwas Weltanschauliches. Aber vielleicht wird diese weltanschauliche Abseitsstellung noch schlagender zum Ausdruck gebracht, wenn man das Wort Geräusch hier in seiner ersten und ursprünglichen Bedeutung auffasst. Einer spricht vom Geräusch der Gegenwart, der Welt, des Lebens und sagt damit: „Die Gegenwart, die Welt, das Leben ist mir nichts weiter als eine wirre Ansammlung von Rauschendem.“ Dergestalt auf eine Größe wie die Welt oder das Leben ausgedehnt, gewinnt das Geräusch eine rätselhafte und gewaltige Bildhaftigkeit. 

 

Dies waren so die Gedankenreihen, die sich in meinem Kopfe kreuzten, als ich an jenem Morgen das Wort „Geräusch“ niederschrieb und auf dem Papier betrachtete. Ich sann so einige Zeit, ohne mich übrigens daran zu kehren, ob das, was sich mir da an vermeintlichen Einsichten auftat, sachlich zulässig sei oder nicht. Mein Sinnen belebte mich, und darauf kommt es nach meinem Dafürhalten weit eher an als darauf, ob solche Verknüpfungen einer wissenschaftlichen Prüfung standhalten mögen oder nicht. Jedenfalls mündete mein Sinnen in eine Erkenntnis. Lust und Liebe zur Sprache zeigt sich durchaus nicht daran, dass einer stets zu den ausgefallensten Wörtern greift, dass einer jedes „auch“ durch ein „desgleichen“, jedes „aber“ durch ein „indes“, jedes „Gesicht“ durch ein „Antlitz“ ersetzt und mit solchen Gesuchtheiten eine besondere Erlesenheit vorzugaukeln oder sich vom „Gemeinen“ abzuheben sucht; vielmehr beweist und bewährt sie sich dadurch, dass einer das Unerhörte im Alltäglichen aufzuspüren, den Reichtum im Gewohnten hervorzuheben und so das Gewohnte neu zu beleben versteht. Dies erst ist es, was auch der eigenen Rede Plastizität verleiht. Das Wort Geräusch geht einem jedenfalls nicht mehr nachlässig über die Lippen, sobald man einmal seine rauschende Tiefe ergründet hat.