400 Seiten


Veröffentlicht am 28. Juni 2026

Die Arbeit an meinem Maler-Roman schreitet fort: vor ziemlich genau zwei Jahren begonnen, ist er mittlerweile bis zur 400. Seite gediehen, was der reinen Stoffdisposition nach ungefähr der Hälfte entsprechen mag. Aber man muss zurückhaltend sein mit allen Prognosen, denn man kann nie mit Bestimmtheit voraussehen, welche Wunderlichkeiten einem noch bevorstehen …

Die Stille, die seit längerer Zeit hier auf meinem Profil herrscht, ist also keineswegs die Stille einer trübsinnigen Untätigkeit oder einer phlegmatischen Weltabwendung (man muss das im Zeitalter der »Sichtbarkeit« immer eigens sagen, damit keine Missverständnisse auftreten), sondern es ist die Stille einer ernst begeisterten und träumerisch hingegebenen Konzentration, wovon dieser Stapel schweigenden Papieres immerhin ein beredtes Zeugnis ablegen mag.

Als ich dieses Profil vor fünf Jahren anlegte, wandte ich – ich weiß es wohl – noch wesentlich mehr Eifer daran, Gedanken und allerart ästhetische Eindrücke hier, ansprechend hergerichtet, auszustellen. Dieser Eifer ist zugegebenermaßen allmählich etwas erloschen. Ich bringe heute oft die Kraft oder die Lust nicht auf, in das ohnedies schon laute Stimmengewirr überbordender Mitteilsamkeit auch noch meine eigenen »Interessantheiten« hineinzuschleudern. Ja, um die Wahrheit zu sagen: ich finde für die expressiven Kurzweiligkeiten, die nötig sind, um »sichtbar« und »relevant« zu bleiben (oder es überhaupt zu werden), zumeist einfach die Sprache nicht, vielleicht auch deswegen, weil ich ihnen selbst so wenig abgewinnen kann und mich so leicht erschöpft von ihnen finde …

Aber ich frage: bin ich mit dieser Erschöpfung so allein? – Ich glaube nicht. Vielmehr nehme ich von den verschiedensten Seiten wahr, dass diese Empfindung von immer mehr Gemütern Besitz ergreift, immer öfter Handlungen, Verhaltensänderungen zur Folge hat, – auch wenn der vorherrschende Augenschein dem zunächst hohnzusprechen scheint. Übrigens rede ich hier nicht allein von den künstlerischen oder geistig tätigen Gemütern, sondern überhaupt von den Menschen. Woher sollten sonst Strömungen kommen wie »digital minimalism«, »digital detox«, »JOMO« als bewusstes Gegenstück zur »FOMO« oder auch die Nutzung von »dumbphones«, – woher, wenn nicht aus ebendieser Empfindung? Und auf welchen andern Zweck sollten diese Strömungen ausgehen, wenn nicht auf den, zu einer Ruhe, einer Klarheit und Sammlung des Wesens zurückzuführen, ohne die kein wahres Wohlsein möglich ist?

Was sich hier ausspricht, ist weder seichte Nostalgie noch ein Sonderinteresse ausschließlich verfeinerter Geister. Es ist der Selbsterhaltungstrieb des menschlichen Geistes, das Aufbegehren gegen die beständige Nervenirritation durch künstlich herbeigeführte Dopaminschauer und gegen die leichtfertige Zerstückelung unserer Aufmerksamkeit; ja, im letzten Grunde ist es, ob nun bewusst gedacht oder nur dunkel empfunden, ein im Menschen tiefverwurzeltes Streben nach Gegenwärtigkeit, nach Wesentlichkeit, nach echter Tiefe und still Dauerndem.

Und die 400 Seiten, die hier vor mir liegen, – sie mögen nun gut sein oder schlecht: aber in meinem individuellen Falle sind sie Ausdruck und Ertrag dieses Strebens und Ringens. Und wenn »Sichtbarkeit« der Preis dafür ist, sich, ungeteilt und ganz im Besitze seiner selbst, dem leidenschaftlichen Bemühen ums Dauernde weihen zu können, so zahle ich diesen Preis leichten Herzens, ja ich sage ehrlich: ich verliere damit nichts. Denn ich glaube fest an das Dauernde, so täppisch stammelnd und verschroben es heute vielfach auch dazustehen scheint; ich glaube an seinen Sinn.